Der Festball war grandios
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Augenblicke in Groß Glienicke – Vernissage der Fotoausstellung
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750 Jahre Groß Glienicke

Rede des Ortsvorstehers Winfried Sträter beim Festball am 21.01.2017

Liebe Festgäste,

ich freue mich, dass Sie alle hier sind und wir gemeinsam den Auftakt unseres Jubiläumsjahres feiern, den Jann Jakobs eben als Schirmherr eröffnet hat.

Borsdorf bei Leipzig,
Mohorn in Sachsen,
Bad Blankenburg in Thüringen,
Spaden in Niedersachsen,
Meißenheim und Scheuern in Baden,
die Stadt Sinzig in Rheinland-Pfalz,
Zettingen in der Eifel,
Radolfzell am Bodensee,
Blaubeuren in der Schwäbischen Alb…
Kladow,
Grube,
und und und…
UND: Groß Glienicke.

Wir feiern unser 750jähriges Ortsjubiläum nicht allein, sondern wie wir feiert eine stattliche Anzahl von Städten, Dörfern, Ortsteilen in ganz Deutschland in diesem Jahr ihr 750jähriges Ortsjubiläum.

1267 – das ist so richtig Mittelalter, damals nahm allmählich die Menge der schriftlichen Überlieferungen, Beurkundungen auch abseits der Herrschaftszentren zu.

2 Hufen Land in Glinicke an das Benediktinerinnenkloster in Spandau: das ist keine große Sache, vielleicht zum Glück für die Vorfahren unseres Ortes: 2 Hufen waren ja nicht so viel. Im Falle des sächsischen Mohorn hat der dortige Markgraf Heinrich der Erlauchte gleich das ganze Dorf dem Domstift zu Meißen geschenkt. Da ging unser Markgraf Otto mit Glinicke vergleichsweise behutsam um.

Aber wer weiß – vielleicht musste er Rücksicht auf die Gutsbesitzer nehmen, denn die waren ja die Herren im Dorf. Ihnen waren die Bauern nicht nur abgabepflichtig, sondern auch zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet, zur Feldarbeit. Wie unvorstellbar anders haben die Menschen hier gelebt – und wie wenig können wir sagen: wie wir heute leben, ist doch selbstverständlich.

Wir kriegen heute unseren Grundsteuerbescheid von der Stadt – das kann man ja irgendwie mit den mittelalterlichen Abgabepflichten vergleichen. Ob wir das okay finden oder zu hoch: aber wir zahlen nur, weil wir Eigentümer sind, nicht weil wir im Herrschaftsbereich von Ritter Jann leben. Wobei der auch noch darüber entscheiden dürfte, ob unsere Kinder wegziehen dürfen oder nicht. Wir wären ja seine Leibeigenen. Und dann die Vorstellung: Das Rathaus ist das Gut unseres Ritters Jann, und wir wären verpflichtet, für ihn und seine Gutsherrschaft jahrein jahraus kräftig zu schuften, unentgeltlich natürlich.

Was mal Alltag war, sind für uns heute absurde Vorstellungen. 750 Jahre Abstand können auch ganz gut sein. Zugleich schleicht sich bei solchen Gedankenspielen auf leisen Pfoten die Frage an: Wer sind wir? Groß Glienicke 2017. Wir sind heute ein kleiner Ortsteil von Potsdam, aber wir sind zugleich ein Ortsteil, ein Ort mit einer prägenden Geschichte und einer interessanten, durchaus anspruchsvollen Gegenwart.

Meine erste Begegnung mit Groß Glienicke fand hier statt, genau hier, in dieser Halle. 1995. Ich wohnte mit meiner Familie in Berlin, hatte im Strandbad Kladow mal Groß Glienicke von außen gesehen, das heißt: die Mauer. Nun hatten wir kleine Kinder, wollten bauen und informierten uns hier über Möglichkeiten zu bauen. Zwei Jahre später sind wir in Groß Glienicke eingezogen. Wie viele vor und noch mehr nach uns.

Groß Glienicke: Unser Ort war einmal ein altes Guts- und Bauerndorf. Es ist heute ein Ort, in dem nicht Wenige lange und tief verwurzelt sind mit ihrem Groß Glienicke – in dem aber noch mehr Menschen zugezogen sind. 1.600 Einwohner 1990 und 4 ½- bis 5.000 Einwohner heute: die Zahlen sprechen für sich.

Wenn andere Dörfer heimatstolz sagen können, dass sie sich stabil durch die Jahrhunderte bewegt haben, ist unsere Besonderheit die Veränderung und die Notwendigkeit, sich neu zu finden. Das finde ich anspruchsvoll und reizvoll zugleich. In den späten 20er und 30er Jahren ging das los: Die neuen Siedlungsgebiete waren viel größer als das alte Dorf. Die Zugezogenen waren vielfach wohlhabende Berliner, zum Teil erfolgreiche Schauspieler und Musiker. Natürlich begegneten sich die Bewohner des alten Dorfes und die Siedler in der Aue oder in Wochenend West im Alltag. Aber mein Eindruck ist: Man lebte trotzdem in ziemlich getrennten Welten.

Es ist banal zu sagen: die große Geschichte wirkt sich immer auch im Kleinen aus, in der Stadt, im Dorf. Für Groß Glienicke gilt das aber auf eine ganz und gar nicht banale Weise. Nicht wenige Groß Glienickerinnen und Groß Glienicker haben noch die Mauer vor Augen, die ihren Ort vom See und vom Nachbarn Kladow abschnitt. Die Zeit, die 1945 mit der Teilung des Dorfes begann, die ab 1948 – Berlin-Blockade – spürbar wurde, 1952 mit der Schließung der Außengrenzen von West-Berlin schmerzhaft, 1961 mit dem 13. August hart – und dann machte die Mauer am Ufer ab 1969/70 klar: das bleibt so, die Welt wird auf unabsehbare Zeit in Groß Glienicke zu Ende sein.

Wie sehr hat sich unser Ort in den letzten hundert Jahren verändert – und welche dramatischen Veränderungen haben die Groß Glienickerinnen und Groß Glienicker in dieser Zeit miterlebt und –erlitten! Thomas Harding hat das in seinem Buch über das „Sommerhaus am See“ ja eindrucksvoll beschrieben. Mit diesem Buch wurde Groß Glienicke zum Thema in der internationalen Presse, in englischen Zeitungen, in der New York Times.

Haben wir ein ausreichendes Gespür dafür, was die dramatischen Veränderungen, die über Groß Glienicke hereingebrochen sind, für die Menschen hier bedeutet haben? Als Zugezogener, der die Mauerzeit nicht mitbekommen hat, habe ich großen Respekt vor der Leistung all der Menschen, die mit den krassen Veränderungen klargekommen sind, die ihr Leben neu organisieren mussten und organisiert haben.

Wie befreiend wirkte der Mauerfall 1989 – aber ist allen, die später nach Groß Glienicke gezogen sind, klar, wie hart die Jahre danach waren? Als nicht nur Lebensgewissheiten in Frage gestellt waren, sondern fast alle im Ort – 85 % – durch Rückübertragungsansprüche auf Haus oder Grundstück in einer existenziellen Unsicherheit lebten?

Zur jüngeren Geschichte Groß Glienickes gehört diese tiefe Verunsicherung und dass es Jahre gab, in denen die Veränderungen als Bedrohung empfunden wurden. Umso erfreulicher ist die Entwicklung, die dann trotzdem möglich war: die klare Entscheidung 2002, Stadtteil von Potsdam zu werden, war ein Votum, den Wandel zu akzeptieren und zu gestalten. Alteingesessene und neu Zugezogene haben damals heftig um die Ortsentwicklung gestritten. Manchmal etwas zu heftig, wie ich auch für mich selbst zugeben muss.

Aber ich denke: Es gibt politischen Streit, der notwendig ist, wenn man sich nicht bloß beschimpft, sondern weiterkommen will.

Und das sind wir: die Straßenverhältnisse sind – mit ein paar Ausnahmen – heute nicht mehr mit denen von 2003 zu vergleichen, als wir Stadtteil von Potsdam wurden. Sehr viel ist seither geschafft worden, alles noch nicht: die B 2 ist noch dringend ausbaubedürftig, auch dort sollten sich Fußgänger und Radfahrer sicher bewegen und die Straße queren können.

Diese Aufgabe muss erledigt werden, wie die Aufgaben der vergangenen Jahre erledigt wurden: im Zusammenspiel mit der Stadt Potsdam, den Stadtverordneten und der Stadtverwaltung. Genauso wie die Lösung des Uferwegproblems am Groß Glienicker See. Fast alle wollen den öffentlichen Weg – das habe ich kürzlich erlebt, als bei uns im Bürgerbüro Vertreter der Stadt und Eigentümer ein erfolgreiches Einigungsgespräch geführt haben. Der Weg ist das Ziel: er sollte eines nicht zu fernen Tages wieder durchgängig öffentlich.

Groß Glienicke – wer sind wir? „Vom Bauerndorf zum Labor der Wiedervereinigung“, betitelte die PNN kürzlich einen Artikel über uns. Das stimmt. Man kann noch einen Schritt weitergehen und sagen: ein Ort, in dem sich Jung- und Alteingesessene und Zugezogene immer wieder neu finden. Ein Ort, der – und eine Bürgerschaft, die es gelernt hat, mit Veränderungen und Herausforderungen umzugehen.

Wir sind kein Ort, der sich um ein altes Zentrum herum gruppiert, sondern einer, der sich immer wieder neu finden musste und muss. Vielleicht ist das ein Grund, warum es so viele engagierte Menschen und so viele aktive Vereine und Gemeinschaften in Groß Glienicke gibt. Nichts ist selbstverständlich, wenn das Ortsleben kaum von alten Traditionen geprägt ist.

Dann gilt eben: Wir sind, was wir draus machen! Gäbe es das Begegnungshaus ohne den Verein? Die Swinging Glienicks ohne Uschi Syring-Dargies? Die großartige Renovierung unserer Kirche ohne das unermüdliche Engagement von Burkhard Radtke? Die Kunst im Begegnungshaus ohne Regina Görgen? Das Neue Atelierhaus Panzerhalle ohne die Künstlergemeinschaft? Den Zwei-Seen-Lauf ohne den SC 2000? Und so Vieles mehr. Würde das Potsdamer Tor heute in neuem Glanz erstrahlen, wenn nicht der Groß Glienicker Kreis und die Groß Glienicker Bürgerschaft für den finanziellen Anschub gesorgt hätten?

Der Jubiläumskalender 2017 wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung der Stadt und unserer Sponsoren: REWE, Villenpark und EWP.

Dass wir jedes Jahr ein großes Fest auf der Badewiese feiern, ohne eine Eventagentur zu bemühen, geht nur, weil Vereine und Einzelpersonen dies verantwortlich organisieren. Und weil die nötigen Fördermittel seitens der Stadt bereitgestellt werden. Hinzu kommt, was man nicht vergessen darf: die Fähigkeit des CC Rot-Weiß Groß Glienicke, große Veranstaltungen zu organisieren, ist ein echtes Pfund für uns alle. Was für diesen Festball technisch und organisatorisch vom CC geleistet wurde, ist beeindruckend!

Wir sind, was wir draus machen. Das Verantwortungsbewusstsein für unseren eigenen Ort und die Fähigkeit, etwas auf die Beine zu stellen: das ist Groß Glienicke.

Neue Nachbarschaften: die Gründung dieser Initiative war die Reaktion auf die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft in der Waldsiedlung. Herr Steuten, der hier den Villenpark entwickelt, gründete den Verein Hilfe zur Selbsthilfe und organisierte eine Kleiderboutique: dieser souveräne Umgang mit einer nicht ganz einfachen Herausforderung – das ist Groß Glienicke 2017.

Und da sind wir gut aufgehoben in Potsdam, der Stadt des Toleranzedikts von 1685: Ich freue mich, dass Oberbürgermeister Jann Jakobs mit seinem großen Engagement für Weltoffenheit diese Tradition als Herausforderung für die Gegenwart begreift!

In unserem Jubiläumsjahr wird es eine Vielzahl von Veranstaltungen geben, weil viele Vereine, Institutionen und Personen ihren Beitrag dazu leisten. Deshalb ist unser Festkomitee für 2017 kein Zentralorgan, sondern ein Koordinierungskomitee. Im Februar: die Kirche mit Festgottesdienst und Ausstellungseröffnung, im April das Alexanderhaus, dessen Renovierung begonnen hat: ein bedeutsames Haus der Geschichte und der Zukunft für Groß Glienicke, im Mai das Begegnungshaus, im Juni das große Fest auf der Badewiese mit der Gewerbegemeinschaft, im Juli die historische Revue der Grundschule – und so Vieles mehr, was ich hier nicht alles nennen kann, aber auf unserer neuen Internetseite www.gross-glienicke.de zu lesen sein wird.

Wenn ich daran denke, kann ich nur sagen: Ich freue mich, Groß Glienicker zu sein!

Wir haben Grund zu feiern und alle aus Nah und Fern einzuladen: 750 Jahre Groß Glienicke – feiert mit uns!

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