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Potsdam ist keine Insel mehr

Potsdam ist keine Insel mehr – Eine kleine tour d`horizon durch die Stadt in Zeit und Raum

von Winfried Sträter, zum Stadtforum Potsdam, 11. Oktober 2018

Ich schaue auf die Stadt als administrativer Migrant. Potsdamer bin ich seit der Gemeindegebietsreform vom 26. Oktober 2003. Als Groß Glienicker schaue ich vom hohen Norden aus auf die Stadt, die nun auch meine ist, und wundere mich, dass man immer noch, nach 15 Jahren, vom Potsdamer Norden spricht, wenn man das Bornstedter Feld meint. Als ob wir noch in der Zeit des Soldatenkönigs leben würden, der mit seinen Uniformierten hierher gezogen ist.

Was ist Potsdam? Die banale Antwort lautet: eine Stadt. Doch diese Stadt hat noch etwas anderes als andere Städte. Potsdam ist eine Phantasie. Ein Traum.

„Das gantze Eyland muß ein Paradies werden“, schrieb anno 1664 der rheinische Landschaftsplaner Johann Gottfried von Nassau-Siegen als Berater an seinen Freund, den Großen Kurfürsten. Damit war der Gedanke in der Welt, der bis heute die „Eylander“, die Insulaner, beflügelt.

Ein phantastischer Gedanke damals, angesichts der tristen Wirklichkeit: mit einem Häuflein ärmlicher Häuser an Havel und Nuthemündung, bewohnt von blassen, kränklichen Menschen, die es in einem ungesunden feuchten Klima aushalten mussten, zwischen Flussufer und faulem See (heute ist das der Platz der Einheit).

Und da stand im 17. Jahrhundert der Freund des Großen Kurfürsten und träumte von einem paradiesischen Eiland.

Sein Herr und dessen Nachfolger und Nach-Nachfolger nahmen den Gedanken auf, ließen die Baumeister planen und bauen – eine Residenzstadt, auferstanden nicht aus Ruinen, aber aus brandenburgischer Kargheit und havelländischen Sümpfen. Schlösser und Gärten, Kolonnaden und Kirchen, Belvedere, Barberini, Viertel nach holländischer und russischer Art, italienische Kulissen und orientalische Verkleidung für ein Pumpwerk, Alter Markt, Neuer Markt – Arkadien in einer Landschaft, die eigentlich keine Höhepunkte hat (wenn man mal andere deutsche Landschaften vergleicht, vom Harz bis nach Bayern).

Aber – der Traum vom paradiesischen Eiland war so groß, dass nicht nur der adlige von Nassau-Siegen, Kurfürsten und Könige ihn träumten, sondern auch das ganze Inselvolk. Menschen (um ein Beispiel aus unseren Tagen zu nennen), die nach Feierabend zum königlichen Winzerberg ziehen und dort ehrenamtlich unentgeltlich Glasscheiben verkitten für die Weinreben: damit der Weinberg wieder so aussieht, wie König Friedrich Wilhelm IV. ihn im 19. Jahrhundert hat bauen lassen. Wenn man diese Hingabe erlebt, auch heute noch, kann man den Eindruck bekommen: die Menschen leben hier auf einer Insel der Glückseligen. Beseelt vom Jahrhunderte alten Traum, der städtebauliche Gestalt angenommen hatte.

Im Oktober 1990, am Ende des großen Umbruchjahres, nach Wende, Mauerfall und Untergang der DDR, entschied die erste frei gewählte Stadtverordnetenversammlung über die Zukunft der Stadt – und die hieß: behutsame Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss. Mit anderen Worten: Wiederbelebung des alten Inseltraums. Über 40 Jahre lang hatte der realsozialistische Staat alles getan, um einen Gegenentwurf zur preußischen Residenzstadt zu bauen. Aber als dann die Bürger über ihre Stadt selbst bestimmen konnten, war die Sehnsucht nach der alten Schönheit wieder groß. Das Eiland sollte wieder ein Paradies werden. Nach all den Jahren.

Seither ist viel Zeit vergangen, 28 Jahre, und diese Zeit hat etwas verändert. Nicht nach Plan, wie früher, sondern real, weil sich die Stadt verändert hat. Alle Augen sind erst mal auf das Zentrum gerichtet: historisches Quartier oder Fachhochschule, Rechenzentrum oder Garnisonkirche, Minsk und der Brauhausberg.

Aber das ist nicht alles. Die Stadt Potsdam ist nicht mehr, was sie mal war. Früher war das Eiland umgeben von Wassern, im Norden reichte die Stadt bis zum Nedlitzer Fährhaus. „Einst war hier die Potsdamer Welt zu Ende, hinüber ging es nur per Fähre“, ist im Magazin Potsdam life zu lesen. Natürlich hatte Potsdam hier und andernorts längst die wasserbedingte Trennung zwischen Stadt und Umland buchstäblich überbrückt. Aber: Bis 2003 war der weite Raum nördlich der Stadt: Umland. Es waren brandenburgische Dörfer im Landkreis Mittelmark. PM – Posemuckel, wie manche verächtlich sagten: Neu Fahrland, Fahrland, Marquardt, Uetz-Paaren, Satzkorn, Groß Glienicke – im Nordwesten und Westen Grube, Golm, Eiche.

Grube und Eiche wurden 1993 Teile der Stadt, all die anderen 2003: Potsdam ist seither Stadt und Land in einem. Um zu begreifen, wie sehr sich Potsdam räumlich verändert hat, müsste der Oberbürgermeister eigentlich jedes Jahr mit seiner Verwaltung eine Radtour durch die Weiten des ländlichen Raumes seiner Stadt unternehmen.

Mit der administrativen Erweiterung der Stadt ist der alte Traum von Potsdam natürlich nicht ausgeträumt, aber die Stadt ist in den neuen Grenzen eine andere als jenes Eiland, das der rheinische Landschaftsplaner Johann Gottfried von Nassau-Siegen anno 1664 im Blick hatte.

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